Zukunft des Sozial­staats

Reform als kontinuierlicher Prozess

Wenn sie mit massiven Umbrüchen einhergeht, wird die Reform des Sozialstaats besonders sichtbar – wie etwa bei den Hartz-Reformen zu Beginn des Jahrhunderts oder der aktuellen Flüchtlingssituation. Tatsächlich ist sie aber ein kontinuierlicher Prozess: Wer im Kontext sozialstaatlicher Leistungen agiert weiß, dass Veränderung eine fast permanente Erfahrung ist.

Dabei unterliegt der soziale Sektor dem Dilemma, dass Leistungsträger und -erbringer in Zeiten knapper öffentlicher Kassen einerseits kostensparend und wirtschaftlich, andererseits bedarfsgerecht und effektiv arbeiten sollen. In diesem Kontext sind zwei Trends prägend:

Trend 1: Fallsteuerung

Fallsteuerung oder Case Management beschreibt die systematische Koordination der verschiedenen Aufgaben, um für alle, die öffentliche Hilfeleistungen empfangen, die (gemeinsam definierten) Ziele bedarfsgerecht mit den bestehenden Ressourcen zu erfüllen. Dabei erfolgt die Leistungserbringung in einem „sozialrechtlichen Dreiecksverhältnis“ zwischen dem Leistungsempfänger, dem Kostenträger (Leistungsträger) und der Einrichtung/Institution, die die Leistung erbringt (Leistungserbringer).

Dementsprechend unterscheidet die Fallsteuerung drei Ebenen:

  1. Fall (= Einzelfall): Zusammenarbeit mit der Person, die öffentliche Hilfe bezieht, entlang definierter Prozessschritte sowie Aufbau und Steuerung von Unterstützungsnetzen im Einzelfall
  2. Organisation (Leistungsträger oder -erbringer): Organisation der Aufgabenwahrnehmung nach innen und außen entsprechend der Strategien, Konzepte, Strukturen, Arbeitsabläufe und Mittel
  3. Netzwerk (= Leistungsträger und -erbringer): Organisation und Zusammenwirken formeller und informeller Hilfemöglichkeiten im Sozialraum

Das Fallsteuerungssystem ist das zentrale Instrument, um soziale Arbeit effektiv und effizient zu organisieren, indem es Struktur und Orientierung für die Gesamtorganisation und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der 1:1-Situation bietet.

Trend 2: Ämter- und rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit

Gerade in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik ist die organisationsübergreifende Zusammenarbeit von großer Bedeutung – wie aktuell bei der Betreuung von Flüchtlingen. Erfolgreiche soziale Arbeit erfordert oftmals einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen und sein soziales Umfeld und liegt damit quer zu einzelnen Sozialgesetzbüchern.

Prozesslandkarte Asyl & Flüchtlinge
Prozesslandkarte Asyl & Flüchtlinge

Damit die Zusammenarbeit gelingt, muss Transparenz über Aufgaben und Verantwortlichkeiten der beteiligten Akteure hergestellt werden. Sie betreffen in der Regel Zuständigkeitswechsel, Informationsaustausch, die individuelle Förderplanung sowie das Management von Angeboten und Maßnahmen. Sind diese Schnittstellen systematisch identifiziert, benannt und bewertet, lassen sich Ansatzpunkte für die Verbesserung der Zusammenarbeit erarbeiten.